Lips und das verschenkte Potential
Eigentlich wäre es ganz einfach für Microsoft gewesen: man nehme SingStar, das schon seit vielen Jahren etabliert ist und in der PS3 Version absolut grandios funktioniert, man füge die geilen Schnurlosmikrophone, die Minispiele und den Onlinepart dazu, man würze das Ganze mit ein wenig eigener Musik und schwups hat man die Konkurrenz besiegt, ein grandioses Produkt und einen unendlich dankbaren neuen Fan: mich.
Aber Inis hat allen Anschein nach nie im Leben SingStar gespielt, oder nur die ersten Versuche auf der PS2 unter die Lupe genommen. Sonst erklärt es sich nicht, wieso Lips vor allem Verbesserungspotential besitzt.
Aber fangen wir mal bei den positiven Aspekten an, die Lips zu bieten hat, denn alles ist ja bei Gott nicht schlecht!
Da wäre zum einen einmal die Songauswahl. Bei Lips gibt’s im Gegensatz zu SingStar gleich 40 Songs auf der Scheibe, bei manchen Versionen kriegt man sogar noch Take on Me von A-ha gratis dazu. Die Auswahl der Songs ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Da gibt es Klassiker von Jackson 5, Johnny Cash oder Ben E. King, Rockiges von Queen oder Police, Poppiges von Roxette, Coldplay, Dido, R&B Zeug von Alicia Keys und wie sie alle heissen, aber auch Alternatives von Radiohead, Editors, Morcheeba oder den Kaiser Chiefs. Grandioses Highlight auf der Scheibe: Young Folks von Peter, Bjiorn and John.
Die Songauswahl kann zum einen durch eigene Songs vom iPod (iPhone/iPod touch geht da leider nicht), USB Stick oder über einen Windows Media Center Rechner gestreamt, erweitert werden, oder man ladet sie einfach über den integrierten Store herunter. Die Songauswahl ist noch sehr mikrig, ein paar Highlights sind aber dabei: Heddaways What is Love oder Supertramps Give a little bit sind einige der Lieder bei denen ich nicht widerstehen konnte. Mehr zum Store gibt’s aber weiter unten bei den negetiven Aspekten zu Lips.
Die Schurlosmikrophone fühlen sich echt toll an, haben genau das richtige Gewicht und das Rasseln und Schütteln macht durchaus Spass. Leider weiss man nie so genau wie gerade der Batteriestatus ist. Dazu kommt das inkonsistente Verhalten was Aus-/Einschalten geht. Was am Schlimmsten ist, ist, dass das Spiel nicht erkennt, ob jetzt ein oder zwei Microphone angemeldet sind und entsprechend z.B. den co-op Modus automatisch abschaltet, wenn man mal alleine singen möchte.
Damit kann man aber leben, denn die Minispielchen machen vieles wieder wett. Wenn man bei Songs gut singt, füllt sich eine Leiste. Ist diese voll, kann man mit dem Mikrophon eine Bewegung machen und kriegt dafür Sterne, die sich dann wiederum in Punkte umwandeln. Darüber hinaus gibt es Partyspiele, wie z.B. das Küssen, bei dem belohnt wird, wenn beide Spieler gleichzeitig bei voller Leiste die gewünschte Geste ausführen, oder den Kampf, wo der, der zuerst die Geste ausführt, dem anderen virtuell auf die Mütze gibt.
Sehr schön gelöst ist auch das Interface beim Singen. Im Gegensatz zu SingStar wir der Text in einem sehr gut lesbaren Font in der Mitte des Bildschirms angezeigt. Der Text wird entsprechend eingefärbt, je nachdem wer gerade singen sollte. Für jeden Spieler gibt es dann analog zu SingStar die Balken, die anzeigen, welche Tonlage gewünscht ist. Je nachdem, wie gut man die Balken füllt, gibt es Punkte. Sehr schön bei Lips ist, dass bei den Balken noch einmal der Text steht, damit man genau sehen kann, welche Tonlage für welches Textstück verlangt wird.
Für verschiedene Performances beim Singen gibt’s Medaillen, die sich allerdings nicht auf die Punktezahl auswirken. So gibt es z.B.die Medaille für die Technik, oder die, wenn man Party gemacht hat. Hat man entsprechend viele freigeschaltet, gibt’s Achievments.
Ebensolche gibt es auch für viele andere Sachen: singe 40 unterschiedliche Songs, schaffe es alle 6 Medaillen in einem Lied zu holen, sammle 100.000 Sterne und so weiter. Ein Großteil dieser Achievments sind echt einfach zu erlangen, bei einigen – speziell den Online Achievements – ist schon etwas mehr Arbeit nötig, bzw. Glück, dass man genügend Challengegegner in der Freundesliste hat.
Eben genannte Challanges sind eine tolle Idee in Lips: man schickt einem Mitglied seiner Freundesliste eine Herausforderung, sucht einen Song aus, den hoffentlich beide haben. Der Herausgeforderte kann nun 2x den Song singen und sein bestes Resultat wird gegen das eigene beste verglichen. Der, der mehr Punkte hat, gewinnt. Leider sind Challenges aber extrem mies gelöst! Hat man eine erhalten, zeigt das Spiel keine Info an, es sei denn man wechselt im Hauptmenü auf “My Lips” und dort auf “My Friends”. Erst dann sieht man, ob man eine Challenge hat oder nicht. Keine Meldung, keine Nachricht, nichts.
Auch, dass man zwar Challenges an andere schicken kann, bei sich selber aber absolut im dunklen ist, ob man nun besser, schlechter oder sonst was ist. Inis war der Meinung, dass das Spiel keine Charts braucht. Nicht einmal das beste Resultat, das man bei einem Song erzielt hat, wird gespeichert. So gibt es für Leute wie mich, die das Singen als “Sport” betreiben, keine andere Alternative als den Schmarrn in Excel mit zu führen. Was ich nicht mache, weil ich zu faul bin.
Für eine Party unpraktisch ist die Variante, dass man nicht einen Zufallssong auswählen lassen kann. Man kann die Liste der Songs zwar unterschiedlich sortieren oder Songlisten mit den beliebtesten Songs machen, aber leider gibt es kein Shuffle. Ausserdem will mir die Anordnung der Songs nicht gefallen.
Das ist aber noch gar nichts, verglichen mit dem Murks, der “Get Music” genannt wird. Dahinter befindet sich das, wofür man Inis mit einem fetten Usability-Buch verprügeln sollte. Über diese Funktionalität kann man Songs zur Lips Library hinzufügen. Als mögliche Quellen gehören über USB angeschlossene Geräte, ein Windows Media PC (oder ein Mac mit entsprechender Software), oder eben der Online Store. Alles wird in einer extrem unübersichtlichen Wurst präsentiert.
Die einzige Filtermöglichkeit besteht darin, dass man Geräte anzeigen oder verbergen kann. Sucht man ein Lied aus, bekommt man, wenn überhaupt, ganze 10 Sekunden Soundpreview präsentiert. Wenn das Lied online im Store ist, dann passiert es sehr oft, dass man gar nichts hört. Das macht einem die Entscheidung, ob man teure 160 Microsoft Points für ein Lied ausgeben will, nicht wirklich einfacher.
Hätten die Freunde doch mal in den SingStore der PS3 geschaut, sie hätten gesehen, wie man so etwas richtig macht. Hat man sich dann doch dazu entschlossen, Punkte für ein Lied auszugeben, kommt die nächste böse Überraschung: der Download der durschnittlich 70 Mb großen Songs dauert Ewigkeiten. Keine Ahnung, was der Grund dafür ist. Es schlafen einem jedenfalls die Füsse ein, bis ein Lied am Rechner gelandet ist. Wieso das nicht auf den selben Rechnern liegt, auf denen der restliche Content des Marktplatzes liegt, ist mir ein Rätsel.
Trotz der ganzen Probleme, macht Lips aber natürlich schon Spass und ist speziell wegen der Schnurlosmikros und der Gesten beim Spielen eine Abwechslung. Außerdem könnten alle genannten Probleme einfach mit einem Softwareupdate behoben werden, auf das ich ganz innig hoffe. In der aktuellen Version ist Lips aber noch deutlich hinter dem Potential, das es hätte.
©2009 mwidmann
